"Saarbrücker Zeitung" vom 17. Januar 2011 Gleichgültigkeit, die neue Volkskrankheit "Draußen vor der Tür" in der Feuerwache Zwei Stunden ohne Schwachstellen: Unter Christoph Diems Regie gelang am Samstag, nicht zuletzt dank eines exzellenten Ensembles, eine bemerkenswert dichte Version von Borcherts ergrautem Klassiker. Von SZ-Redakteur Christoph Schreiner
Saarbrücken. Gelangweilt sitzen sie am Ende in Liegestühlen und lassen Beckmann, draußen vor der Tür, sich sein Herz alleine heiser schreien. Ist er bald endlich fertig? Ja, lange wird's nicht mehr dauern. Drinnen hat man es sich wieder bequem gemacht im deutschen System. "Wir haben doch längst wieder das dickste Zivilleben." Es ist ein sehr zeitloses Revival. Muss man sich so gehen lassen wie dieser Trümmerhaufen? "Werden Sie erst einmal wieder ein Mensch", rät der Oberst. Bis dahin reicht es nur zur Ruhestörung. Für Gefühlsgesindel hat man nur genervte oder mitleidige Blicke übrig. Die wie in Stein gemeißelte Polarität des Drinnen und Draußen in Wolfgang Borcherts Bühnenklassiker zu einem in vielerlei Richtung übertragbaren Modell des Oben und Unten umzugestalten, mag eine naheliegende Ausdeutung sein, wenn man das nach seiner Uraufführung 1947 schnell zum Inbegriff der so genannten Kahlschlag- und Trümmerliteratur avancierte Drama mit seiner refrainartigen Schwarzweiß-Struktur heute ausgräbt. Aber diese Lesart nimmt Christoph Diems bestechender Inszenierung nichts von ihrer nachhaltigen Wirkung. Dabei ist das Wagnis nicht gering: Einerseits kommt man kaum umhin, den Nachkriegsfirnis des sich beim Wiederlesen als reichlich holzschnittartige Anklage einer kollektiven deutschen Verdrängungslust erweisenden Stückes abzutragen. Andererseits: Werden die Aktualisierungsschleusen zu weit geöffnet, überspülen mögliche Analogien sofort das gesamte Terrain. Die da wären: der deutsche "Einsatz" in Afghanistan, das Hartz 4-geregelte Wohlstandsgefälle. Diems kluge Regie vermeidet den Fehler, eilfertig in diese Fallen zu tappen. Was aber bleibt dann von dem Stück? Ein paar Denkansätze zur Gesellschaftsanalyse. Etwa: Ist Gleichgültigkeit bloß ein anderes Wort für Selbstbezogenheit? Ist sie eine Volkskrankheit? Oder: Steht Beckmann sich selbst im Weg? Aus der Unfähigkeit zu trauern? Nicht von ungefähr umarmte der Regisseur am Ende seinen Hauptdarsteller Andreas Anke herzlich, erleichtert: Mit Beckmann steht und fällt ein solcher Abend. Anke aber hat diese von "nasskalten Gespenstern" heimgesuchte Figur so sehr bis in alle Fasern hinein verinnerlicht, dass man sich ihr gar nicht entziehen will. Sein Beckmann ist einer, der überläuft vor Verzweiflung. Sie trieft ihm aus Haar- und Fingerspitzen. So, wie er schnieft, zappelt, spuckt, schreit und daliegt, scheint er nicht mehr Herr seiner selbst. Und doch ist Ankes Beckmann der einzige, der seine innere(n) Stimme(n) hört. Sabine Mader hat eine verglaste Wartehalle des Lebens auf die Bühne gestellt, die im Inneren den Blick freigibt auf behagliche, partymäßig beschallte Freizeitkulissen. Dort hat das Leben wieder seinen gepflegten Gang genommen. Für die abonnierten Kriegsgewinnler (wie die Familie des Obersts, den ein glänzender Heiner Take als aufgeräumten Freizeit-Militär gibt, assistiert von Gabriela Krestan und Pit-Jan Lößer). Für feinsinnige Opportunisten vom Schlage des Kabarettdirektors, der Beckmann sehr delikat abweist (woraus Marcel Bausch ein wunderbares Kabinettstück macht). Und fürs gemeine Volk (in Gestalt der Frau Kramer, die in Katharina Leys Darstellung eine betont selbstbewusste Form sozialer Gleichgültigkeit zur Schau stellt). Gnadenlos prallt der Stalingrad-Überlebende Beckmann an dieser Business-as-usual-Truppe ab. In die sich wie in eine After-Work-Hausparty auch Gott und der Tod mischen. Es ist eine, ja die Schlüsselszene: Gott wankt, zugedröhnt, apathisch und in High Heels, nurmehr herum (brillant: Saskia Petzold), während der Tod (Boris Pietsch) ob seiner florierenden Geschäftslage immer ausgelassener wird. Menschlicher, sprich fehlbarer, sah man sie selten. "Stehen wir nur auf, weil die Mädchen nach uns rufen?", fragt am Ende der vom Jasager (Hans Georg Körbel, eine Art Lebenshändler mit Provision) auf der Lebensspur gehaltene, todessüchtige Beckmann. Ein Unbehauster, dessen letzte Hoffnung - ein ihm zugeneigtes Mädchen (Christiane Motter) - sich als trügerisch erweist. Was nicht trügt: Unter Diems makelloser Regie spielt das Ensemble an diesem Abend exzellent. Bravo, bravo! Nächste Vorstellungen am 19., 19., 27 und 30.1. |