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Mainpost, 14. Mai 2004
Das wenig Komische macht das Tragische nicht leichter
Würzburg - Sie
verklären die Vergangenheit, träumen von einer besseren
Zukunft und merken nicht, dass die Gegenwart an ihnen
vorüberrauscht: "Die drei Schwestern" scheitern auch auf der
Bühne des Mainfranken Theaters an ihren Illusionen - in einer
beeindruckenden wie beklemmenden Inszenierung von Gastregisseurin
Margit Rogall.
"Gebt den drei Schwestern Fahrkarten,
und das Stück ist vorbei", äußerte einst Ossip
Mandelstam über das Stück seines älteren Zeitgenossen
Anton Tschechow (1860 - 1904). Der russische Dichter war wohl etwas
genervt von den Schwestern Prosorow, von Olga, Mascha und Irina. Vor
allem über ihr jahrelanges ständiges Sehnen an einen Ort, der
ihnen als Paradies erscheint: Moskau. Nur dort, wo sie aufgewachsen
sind, würde ihr Leben glücklich werden. Doch seit elf Jahren
verharren sie in der ungeliebten Provinzstadt, in der sie nie richtig
angekommen sind.
Erstickender Schrei
Fällt in Gegenwart der drei
Schwestern der Name der Stadt oder kommt einer der Besucher im Hause
Prosorow womöglich aus Moskau, dann fliegen sie mit einem
glückseligen Seufzer zu Boden - anfangs zumindest. Später
kommt das Wort Moskau nur noch als erstickender Schrei aus ihrem Mund.
Sicher, gäbe man Olga, Mascha
und Irina Fahrkarten, wäre das Stück viel früher zu
Ende. Aber damit würde auch das, was Tschechow mit "Die drei
Schwestern" sagen und zeigen wollte, ebenso in der Ferne verschwinden:
wie durch Illusionen Menschen an ihrem Leben vorbeirauschen; der
Widerspruch von Sehnsüchten und Wirklichkeit; die unsägliche
Trägheit, die das Leben mancher stagnieren lässt: Sie agieren
wie unter einer Glasglocke, aus der sie nicht herauskommen.
Mit dieser melancholischen Stimmung
entlässt Margit Rogall in ihrer Inszenierung ihr Publikum im
Mainfranken Theater. Eine allzu kurze Probenzeit hat die Regisseurin
vor der Premiere beklagt, unvorhergesehene Schwierigkeiten hätten
zudem an den Nerven gezerrt. Aber für die Schauspieler und ihr
Engagement hatte sie nur lobende Worte. Und das Ensemble
präsentiert in eindringlicher, oft beklemmender Weise die Welt der
Schwestern. Es taucht tief ein in die Seelenschau Tschechows, zeigt das
Dilemma in teilweise absurden Szenen.Das wenig Komische macht das Tragische nicht leichter
Würzburg Sie verklären die
Vergangenheit, träumen von einer besseren Zukunft und merken
nicht, dass die Gegenwart an ihnen vorüberrauscht: "Die drei
Schwestern" scheitern auch auf der Bühne des Mainfranken Theaters
an ihren Illusionen - in einer beeindruckenden wie beklemmenden
Inszenierung von Gastregisseurin Margit Rogall.
"Gebt den drei Schwestern Fahrkarten,
und das Stück ist vorbei", äußerte einst Ossip
Mandelstam über das Stück seines älteren Zeitgenossen
Anton Tschechow (1860 - 1904). Der russische Dichter war wohl etwas
genervt von den Schwestern Prosorow, von Olga, Mascha und Irina. Vor
allem über ihr jahrelanges ständiges Sehnen an einen Ort, der
ihnen als Paradies erscheint: Moskau. Nur dort, wo sie aufgewachsen
sind, würde ihr Leben glücklich werden. Doch seit elf Jahren
verharren sie in der ungeliebten Provinzstadt, in der sie nie richtig
angekommen sind.
Erstickender Schrei
Fällt in Gegenwart der drei
Schwestern der Name der Stadt oder kommt einer der Besucher im Hause
Prosorow womöglich aus Moskau, dann fliegen sie mit einem
glückseligen Seufzer zu Boden - anfangs zumindest. Später
kommt das Wort Moskau nur noch als erstickender Schrei aus ihrem Mund.
Sicher, gäbe man Olga, Mascha
und Irina Fahrkarten, wäre das Stück viel früher zu
Ende. Aber damit würde auch das, was Tschechow mit "Die drei
Schwestern" sagen und zeigen wollte, ebenso in der Ferne verschwinden:
wie durch Illusionen Menschen an ihrem Leben vorbeirauschen; der
Widerspruch von Sehnsüchten und Wirklichkeit; die unsägliche
Trägheit, die das Leben mancher stagnieren lässt: Sie agieren
wie unter einer Glasglocke, aus der sie nicht herauskommen.
Mit dieser melancholischen Stimmung
entlässt Margit Rogall in ihrer Inszenierung ihr Publikum im
Mainfranken Theater. Eine allzu kurze Probenzeit hat die Regisseurin
vor der Premiere beklagt, unvorhergesehene Schwierigkeiten hätten
zudem an den Nerven gezerrt. Aber für die Schauspieler und ihr
Engagement hatte sie nur lobende Worte. Und das Ensemble
präsentiert in eindringlicher, oft beklemmender Weise die Welt der
Schwestern. Es taucht tief ein in die Seelenschau Tschechows, zeigt das
Dilemma in teilweise absurden Szenen.
Ein Wartesaal im Nirgendwo
Dabei unterstützt sie auch das
trostlos wirkende Bühnenbild von Gunter Bahnmüller: Das Haus
Prosorow wirkt wie eine der vielen farblosen tristen Bahnhofsvorhallen
entlang der Transsibirischen Eisenbahn - ein Wartesaal im Nirgendwo.
Früher war mehr Leben im Haus.
Doch seit der Vater tot ist, kommen nur noch wenige Gäste, auch
zum Namenstag der jüngsten Schwester Irina (Anna Dörnte):
dazu gehören der eh im Haus lebende Militärarzt (Max de Nil),
der die Zeit mit Zeitunglesen totschlägt, der in Irina verliebte
Leutnant Baron Tusenbach (Timo Klein), der seltsame Stabshauptmann
Soljony (Nils Liebscher), der Irina ebenfalls begehrt, und der neue und
gerne über die Zukunft philosophierende Batteriechef Werschinin
(Hans Matthias Fuchs). In diesen verliebt sich Mascha (Simone Ascher),
die unglücklich mit dem spießbürgerlichen Lehrer
Kulygin (Knud Fehlauer) verheiratet ist. Die älteste Schwester,
Olga (Angelika Zielcke), ist eine ständig von ihrem Beruf
überforderte und von Kopfschmerzen geplagte Lehrerin. Sie
würde gerne heiraten, auch wenn sie den Mann nicht liebte.
Kein überflüssiger Schnickschnack
Doch zuerst heiratet der Bruder der
Schwestern, Andrej (Andreas Anke). Aus den Plänen, Professor in
Moskau zu werden, wird nichts. Seine Frau Natalja (Katharina
Weithaler), zuerst belächelt von den verwöhnten und
gebildeten Schwestern, nimmt in ihrer direkten Art immer mehr Raum ein
im Haus, fasst den tauben Diener Anton (Christian Manuel Oliveira in
einer von Rogall erfundenen Rolle) nicht gerade mit Samthandschuhen an.
Sie ist die einzige, die in der Gegenwart lebt, die am Ende weiß,
wo ihr Platz ist.
Tschechow sieht sein Stück als
Komödie. Aber das wenig Komische macht das Tragische nicht
leichter. Die Regisseurin spielt mit Überzeichnungen, das sorgt
für Gelächter im Publikum: etwa, als sich Natalja unpassend
mit einem Bauchtanz in die Familie einführt. Das pralle,
bodenständige Leben gegen die Künstlichkeit der oft ins
Weinerliche verfallenden oder zuweilen übertrieben kichernden
Schwestern.
Rogalls Inszenierung ist ohne
überflüssigen Schnickschnack. Zwei Rollen hat sie gestrichen.
Das Stück spielt zwar in Russland, ist aber nicht geografisch
orientiert, auch nicht in der Sprache. Es wirkt zeitlos.
Die Jahre vergehen. Immer mehr zeigt
sich das Elend ihres Lebens. Nie werden die drei Schwestern nach Moskau
fahren - auch nicht mit Fahrkarte.
Von Christine Jeske
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